Ein Grätzl meint im Grunde ein paar Straßenzüge. Der Begriff Grätzl stammt aus dem Mittelhochdeutschen und bedeutet so viel wie Umkreis. Als Begriff also gut 1000 Jahre und etliche Pestepidemien alt. Zeit drüber nachzudenken, ob ein Grätzl eigentlich noch das ist, was der Begriff ausdrückt.
Klar, ein Grätzl ist keine Wiener Idee. In Köln lieben sie ihr Veedel und in Berlin schlägt man sich im Kiez die Nacht um die Ohren. Für eine Engländerin ist es die Neighbourhood, für einen Rapper schlichtweg da hood. Diese Begriffe beschreiben mehr als die Umgebung mit ihren Straßen und Häusern. Es geht um Leute, Charme und Lebensgefühl.
Der englische Begriff hood wird übrigens auch genau so verwendet: Eine Childhood oder eine Parenthood ist kein Ort, sondern ein Zustand. Bei der neighbourhood ist es nicht anders. Und genauso könnte man sagen, ein Grätzl ist mehr als ein Ort, es ist irgendwie ein state of being.
Und das ist die Frage: Was ist jetzt eigentlich unser state of being, wenn wir an moderne Städte denken, die von Hypermobilität und Digitalisierung geprägt sind, zwei Entwicklung, die sich unmittelbar auf Stadtstrukturen und unser Zusammenleben auswirken? Für Stadtgestalter*innen ist es essentiell, sich die Auswirkungen dieser Entwicklungen bewusst zu machen.
Mobil sein: Unterwegs durch den Alltag.

In modernen Städten sind wir praktisch nicht mehr an ein Viertel gebunden, das unseren Lebensmittelpunkt darstellt. Von Arbeit über Einkaufen bis hin zu Familie und Freunden, wir bewegen uns täglich durch verschiedene Stadtteile und Nachbarschaften. Wir leben hier, arbeiten dort und unsere Freizeit verbringen wir irgendwo dazwischen.
Unsere täglichen Wege durch die Stadt sind unsere Lebensader. Rund 700.000 Wiener*innen sind Pinnenpendler*innen und jeder dieser tagtäglichen Wege dauert im Durchschnitt 23 Minuten. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir dabei unser Viertel verlassen, ist hoch.
Dieses Unterwegssein, das den Alltag von vielen prägt, ist der Ausdruck unseres urbanen Lebensstils. Durch verschiedenste Verkehrsmittel sind Distanzen nicht länger, oder zumindest ein kleineres Hindernis. Unsere Wege führen uns kreuz und quer, über kurz oder lang zu verschiedenen Orten; mit der Bim, im Bus, am Rad, oder zurückgelehnt im bequemen, naturledergepolsterten und wenn man ehrlich ist vielleicht doch etwas zu breiten SUV mit Geländemodus und Allradantrieb für Großstadttarzans (shame on you).
Unser vertraute Umkreis ist also längst nicht mehr dieses eine, fest umrissene Stadtviertel, sondern vielmehr unser routinierter, täglicher Weg durch die Stadt, über verschiedene Orte hinweg und in vertrauten Verkehrsmitteln. Unsere individuellen Wege definieren unsere City-Experience mehr als ein alleiniges Viertel. Unser Zustand ist mobil zu sein.
Digitalisierung: Eingehüllt in eine digitale Aura

Die Digitalisierung beeinflusst Mobilität und stellt soziale Strukturen in modernen Städten auf den Kopf. Es ist ein digitaler Zustand des Seins, der jede und jeden von uns ausmacht. Zu hause, auf der Chaiselongue, oder unterwegs auf unseren Wegen durch die Stadt connecten wir mit Menschen und nehmen digitale Dienstleistungen in Anspruch, ohne dass wir uns aus dem Pyjama schälen, von der Couch fallen, oder aus der U-Bahn aussteigen müssten.
Es ist eine digitale Aura, wenn man so will, die uns morgens vom ersten Griff ans Handy entlang unsere Wege quer durch die Stadt bis abends zur Gutenachtgeschichte begleitet. Sie macht Verwandte, Freunde und Arbeitskolleg*innen ständig und digital präsent, egal ob sie nebenan wohnen, oder irgendwo auf der Welt. Die Apps, die Tools, die Cloud, die News, die Podcasts und Medien sind für uns stets greifbar, ohne dabei und sprichwörtlich von unserem Weg abkommen zu müssen.
Dadurch sind wir weniger auf Personen, Dienste und Möglichkeiten in unserem unmittelbaren physischen Umkreis eines Stadtviertels angewiesen. Unser Umkreis konzentriert sich auf unsere digitalen Geräte. Wer braucht einen Kreisler, wenn der digitale Lieferservice das Packerl Milch durch einen klitzekleinen Klick bis an die Haustür shippert? Social Media aus der ganzen Welt verankert Themen in unseren Alltag, die in unserem unmittelbaren Umkreis vielleicht gar keine Rolle spielen. Likes und Kommentare von ganz weit weg nerven genauso wie der Baustellenlärm vor dem Fenster.
Im Grunde machen uns digitalen Werkzeuge um eine weitere Facette mobiler: Sie machen uns virtuell mobil. Als Beispiel: Wir erkunden entferne Orte auf Google Maps oder sogar in Echtzeit, ohne dabei physisch mobil sein zu müssen. Diese digitale Aura ist der Umkreis, der unseren urbanen Zustand des seins genauso prägt, wie die unmittelbaren Einflüsse aus der Stadt. Das Handy in der Tasche ist quasi das Grätzl, in dem wir uns bewegen, und diese digitalen Verbindungen gehören genauso dazu, wie unsere täglichen Orte in und Wege durch die Stadt.
Ein Grätzl ist ein Gräzl ist kein Gräzl.
Ein Grätzl ist also nach wie vor ein Grätzl und bezeichnet die paar Blocks mit gewissem Charme. Aber der Umkreis, den der Begriff für die Bewohner*innen dieser Grätzl einst beschrieben hat, ist längst nicht mehr der gleiche. Dieser Umkreis und state of being beschränkt sich bei weitem nicht mehr auf ein Viertel, das unser Leben in der Stadt ausmacht. Das Grätzl, in dem wir leben ist vielmehr bestimmt durch unsere tagtägliche Mobilität und durch unsere digitale Aura, die wir mit uns herumtragen, hegen und pflegen.
Doch je mehr wir online leben und auf unseren täglichen Wegen dahinmanovrieren, weit über die Grenzen unserer Viertel hinaus, umso wichtiger sind die Ecken und Enden, an denen wir uns zu Hause und in unser hood fühlen. Es sind die digitalen und physischen Rückzugsorte, Arbeitsorte und Freizeitoasen, die das Leben in der Stadt ausmachen, auch wenn diese Plätze manchmal digital und manchmal quer über die Stadt verteilt sind.
Mikromobilität, die den Alltag von vielen bestimmt, und digitale Verbindungen, die uns mit der ganzen Stadt und Welt verknüpfen, verstärken die Bedeutung von Lokalität und Grätzlidentität paradoxerweise mehr denn je: Wenn wir mal wo sind, wollen wir uns dort auch wohlfühlen, unsere Habseligkeiten nahe und um uns haben.
Gerade weil sich unser physische Umkreis erweitert, geht es darum das Lokale, die Nachhaltigkeit, Erreichbarkeit und die Lebensqualität im Viertel zu forcieren. Und es geht darum, diese kleinen, in sich funktionierenden Stadteinheiten gut nach draußen anzubinden (Sie sind ja nur eine Stadion auf den täglichen Wegen ihrer Bewohner*innen). Gerade deshalb arbeiten Stadtplaner*innen auf der ganzen Welt daran, diese Moleküle des städtischen Lebensraums neu zu denken, angepasst an die Bedürfnisse, Möglichkeiten und Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Beispiele sind die Superblocks in Barcelona oder die Supergrätzln in Wien.
Grätzl im 21. Jahrhundert zu gestalten heißt aber auch digitale Stadtentwicklung zu betreiben. Alleine die ganz klassischen Behördenwege zu digitalisieren, von Meldezettel bis Unternehmensgründung, wäre fast zu kurz gedacht. Es geht um all das, was man in seinem Umkreis braucht. Das sind digitale Gesundheitsleistungen, genauso wie Angebote zur (politischen) Mitgestaltung, digitale Verkehrsinformation, Bibliotheken, Bildungsangebote, you name it. Das digitale Grätzl, das wir alle auf unseren Handies mit uns herumtragen, ist ein wesentlicher Teil unseres Stadtalltags, und genau dort sollten die digitalen Angebote auch verfügbar und zugänglich sein: Online.