In der digitalen Ära ist unsere Stadt mit ihrer gewachsenen Struktur, den liebgewonnenen Orten und den Distanzen zwischen ihnen, den Stadtteilen mit ihren Grenzen, nicht mehr die alleinig ordnende Struktur, die unser Leben, unser Arbeiten und unsere sozialen Beziehungen in Bahnen lenkt. Das Digitale ist zumindest gleichbedeutend. Ein Plädoyer Verkehr, Infrastruktur und Mobilität immer und nur gemeinsam mit Digitalem zu denken.
Nehmen wir Wien als Beispiel: Die Stadt blüht in ihren charmanten Gassen und Grätzln. Ja eh, nach wie vor kann man die große Liebe (Achtung!), oder den nächstbesten Schlawiner (Obacht!), auf der Straße treffen, oder irgendwie beides in einem (besondere Vorsicht!). Natürlich lebt und arbeitet man mit Menschen am gleichen Ort und hat sie gern, ok, manchmal auch notgedrungen, um sich. Gleichermaßen aber, und immer mehr, passiert all das in den unzähligen, digitalen Netzwerken, die in und aus unseren Smartphones sprudeln.

Die digitale Vernetzung bringt eine bemerkenswerte Fluidität in die Stadt und in unsere alltäglichen Interaktionen. Diesen Moment noch im Home-Office, im anregenden Gespräch mit Kolleg*innen aus dem Finanzausschuss, toll, im nächsten Augenblick schon im Chat mit Freund*innen wegen dem genauso wichtigen Faschingsgschnas. Das alles, ohne auch nur einen Schritt vor die Tür zu setzen, oder sich in die U-Bahn bequemen zu müssen. Stattdessen Netzwerkhopping von Chat zu Chat, quick quick quick und in Windeseile.
Flüsse, die Stadtteile von einander trennen, Bahnstrecken, die quer durch Bezirke schneiden, oder diese verbinden, oder die Büromauern, die uns für acht Stunden einkasteln: Stadt ist heutzutage immer weniger geprägt von räumlichen Strukturen, sondern von digitalen Netzwerken, in die wir uns einbauen und ausklinken, die auftauchen und wieder verschwinden. Genau das ist gemeint mit Fluidität: Die spontane, unmittelbare digitale Interaktion, jenseits von Grätzln, Grenzen oder geographischen Gebieten.
Das Öffinetz, die Straßen und Radwege teilen sich die Infrastrukturbühne mit den digitalen Netzwerken, die unsere sozialen Interaktionen und Bewegungen genauso lenken. Unsere Mobilität in der Stadt ist nicht mehr nur eine Frage des physischen Vorankommens, sondern auch jener der digitalen Konnektivität und dem online Status von Freunden, Friends und ihren Benefits.
Diese digitalen Netzwerke sind eine zumindest gleichwertige Struktur, die unser städtisches Leben prägt. Die Handies in der Tasche und der Computer am Schoß sind die Tore und Schleusen dazu. Es ist der Zugang und die Nutzung dieser Infrastrukturen, die uns im Handumdrehen ein Netzwerk weiter spülen. Es braucht nur einen sanften Touch am Device deiner Wahl and off you go. Fließende, digitale Verbindungen, die ebenso schnell aufgebaut wie on-hold gestellt werden, entscheiden wie unsere Tage so laufen.

Es sind die physischen und die digitalen Netzwerke, die wir durchwandern, die wir bedienen und auf die wir zugreifen, sie entscheiden mit, wie wir unsere Umwelt wahrnehmen, wie wir arbeiten und sozial sind. Und es sind die Algorithmen, die bestimmen, was gepushed, gepullt oder gecancelt wird.
Es muss uns bewusst sein, wie sehr unsere digitalen Werkzeuge, die Netzwerke und Algorithmen dahinter, unsere Alltage und die damit verbunden Möglichkeiten und Erfahrungen prägen. Ob wir nun nach dem nächsten Carsharing Auto Ausschau halten, oder das Restaurant für unser nächstes Date suchen, oft ist entscheidend, aus welchem Netzwerk wir diese Information erhalten, was das Netzwerk über uns weiß, uns zeigen will, oder welcher Algorithmus uns diese Information vorkaut. Wir verlassen uns ohnehin darauf. Was in unserer unmittelbaren physischen Umgebung, also gleich um die nächste Ecke oder nur einen Häuserblock entfernt ist, ist nicht so wichtig.

Unser Leben wird zu einer digital personalisierten Landschaft; geformt, selektiert und verstärkt von den digitalen Geräten in unseren Händen und Hosentaschen. Die Apps, Tools und digitalen Services sind wie magische Linsen, die uns Handlungsspielräume eröffnen und Einblicke in die verborgenen Ecken der Stadt gewähren. Sie entscheiden mit – nicht ausschließlich, aber doch zu einem gehörigen Anteil – was wir tun, wen wir treffen, was wir wahrnehmen und was nicht.
Sie lassen uns auf der Suche nach der nächsten Bim, dem schnellen Snack, oder dem nächstbesten Lover auf eine gewisse Art und Weise über die Gassen hinaus und durch die Häuser hindurch blicken. Oder umgekehrt: Wenn der Algorithmus nicht will, kommen wir nie ans andere Ende der Stadt. Sorry, Transdanubien.
Digitale Netzwerke und Algorithmen mediieren, selektieren und leiten einen entscheidend großen Teil unserer tagtäglichen Interaktionen im Privaten und Professionellen. So fungieren unsere Smartphones als Torwächter, die entscheiden, welche tagtäglichen Dienstleistungen wir in Anspruch nehmen, welche Eindrücke wir mitnehmen, welche Freunde wir besuchen, oder welche Teile unserer Stadt wir erleben und welche eben nicht.
Seien wir uns darüber bewusst: Wir nehmen unsre Umwelt und auch unsere Stadt sicher nicht nur, aber zu einem großen Teil durch digitale Werkzeuge wahr. Sie bestimmen unseren Handlungsspielraum mit. Und wie alles durch das man blickt, Fernglas, Sonnenbrille oder Kaleidoskop, verändern sie unseren Blick, verdrehen, vergrößern, verfälschen, verwaschen das eine und verklären oder heiligen das andere. Sie machen Dinge erreichbar und sichtbar, die man mit freien Auge hätte nicht sehen oder ohne Digital Tool nicht hätte erreichen können.
Das Handy in der Hosentasche bestimmt zu einem großen Teil mit, wie wir unsere Umwelt, unsere Tage und letztendlich auch unsere eigene Stadt gestalten und erleben. Es beeinflusst wie wir uns fortbewegen, welche Orte und Stadtteile für uns erreichbar sind, welche uns in den Sinn kommen, und welche nicht. Der Verkehr, die Mobilität und die Straßen der Stadt stehen in Wechselwirkung mit den Netzwerken in unseren Apps, Tools und Websites. Das ist auch der Grund warum Digitales nicht getrennt von anderen Infrastrukturen gedacht werden sollte, sondern immer nur gemeinsam.