Mobile Digitale Tools kommen ja so ein bisschen mit dem Versprechen daher, sie würden jede und jeden orts- und zeitunabhängig machen. Alles was wir im Alltag tun, kann mit Laptop, Handy, Web und App erledigt werden. Immer. Überall. All at once.
Eine Werbung zeigt, wie total cool es ist, Bankgeschäfte im Tretboot auf der Alten Donau zu erledigen. Wie Amtswege lapidar im Wiener Prater aus der Welt geschafft werden. Ein Programmierer sitzt in den Alpen und tippselt seinen Code in den Sonnenuntergang hinein. Investieren Sie von der UBahn aus in Kryptowährungen! Keep the money coming! Anytime, Anywhere!

Entgegen dieser saloppen Versprechen und den Bildern, die uns Werbungen in das Gehirn winden, haben uns digitale Technologien nicht in eine Ära grenzenloser Zeit- und Ortsunabhängigkeit katapultiert.
Die Sache ist nämlich die: Die allermeisten von uns sind gar nicht so flexibel. Die allermeisten sind sogar regelmäßig zu den gleichen Zeiten an den selben Orten. Tagtäglich. Immer wieder. Wohnung. Arbeit. Supermarkt. Freunde. Fitness Center. Lieblingslokal.
Ein Büromensch ist tagsüber höchstwahrscheinlich an seinem Schreibtisch, egal ob zu Hause oder im Büro, aber auf jeden Fall mit Arbeit beschäftigt. Zu einer Zeit, zu der auch andere verfügbar sind, an einem Ort, der Werkzeuge, Ressourcen und Mindset garantiert. Alles gute Gründe für keinen Ausflug zur Alten Donau, um vom Tretboot aus das alles entscheidende Investment zu tätigen.
Egal welche Lebensentwürfe, Berufe, Verpflichtungen und Freizeitgestaltungen: Menschen haben ihre Routinen. Auch im mobilen Zeitalter.
So betrachtet sind wir gar nicht so die wilden Alltagsrebellen: Tinder Date am Vormittag, Micro-Abenteuer am Nachmittag, Arbeit whatever, whenever. Es ist eher umgekehrt: Wir machen meistens more of the same und leben in einem Rhythmus wiederkehrender Abfolgen. Daran haben tragbare, digitale Geräte kaum etwas geändert.

Handy, Laptop, mobile Medien, Tools und Dienstleistungen haben nicht uns ort- und zeitunabhängig, sondern die verschiedenste digitalen Dienste mobil, und so permanent verfügbar, gemacht. Kann man deshalb immer alles überall erledigen? Theoretisch ja, Praktisch nein.
Albert-László Barabási, ein Forscher, der Big Data nutzt, um Muster in menschlichen Verhaltensweisen zu erkennen, zeigt wie wir eMail und Messaging Tools in wiederkehrenden Rhythmen verwenden. Kurzen Zeiträumen hoher Aktivität folgen Zeiten, zu denen wir diese Tools völlig beiseite legen und nicht beachten. Forschungsergebnisse zeigen auch, dass bestimmte Inhalte, News zum Beispiel, mit Hilfe von portablen Geräten zwar oft und spontan genutzt werden, jedoch stark in Abhängigkeit davon, wo man gerade ist, zu Hause, unterwegs, oder in der Arbeit.
Die vielen digitale Werkzeuge und die Nutzungsrhythmen, mit denen wir auf sie zugreifen, Medien, Stream, Games, Tinder, Chat und weiß der Teufel, fügen sich als neue digitale Verhaltensmuster in unsere Tage ein. Dinge, die wir immer wieder tun, finden an neuen Orten und zu neuen Zeiten statt. Bahnticket im Bett, Freundschaftsanfrage im Bad, Arbeitsmails in der Küche. Hartes Wochenende, ok, Montag doch Home-Office.

Unsere tragbaren Geräte bündeln viele digitale Werkzeuge, die wir so immer bei uns haben. Geld, eMail, Foto, Internet, alles in Einem. Praktisch. Das macht unsere Routinen heterogener und kleinteiliger. Wir sparen uns den ein oder anderen Weg, es macht vieles direkter, spontaner, unkomplizierter, flexibler, aber eben nicht völlig schwerelos und vor allem nicht unabhängig von bestimmten Orten und Zeiten.
Das Versprechen „Unabhängigkeit und Flexibilität“ ist also ein bisschen die Wahrheit, aber auch zu viel des Guten.
Als Gestalter*innen sind wir nicht für moderne Normaden aktiv, konzipieren und designen nicht für Menschen, die heute hier und morgen dort sind. Der Gedanke, dass digitale Tools unsere Alltage flexibler machen, aber letztendlich Teil gewohnter Wege und Routinen sind, gibt uns ein realistisches Bild der Nutzer, die sie tagtäglich verwenden.