Wir kennen sie alle: die harmlosen Beispielanfragen, die am Anfang eines neuen KI-Chats aufpoppen. „Spielideen für eine Kinderparty?“, „Ausflugstipps fürs Wochenende?“. Unbescholten. Einladend. Aber vielleicht auch ein wenig irreführend, denn die wirklichen Fragen, die eingetippselt werden lauten längst anders: „Habe ich eine Depression?“, „Ist meine Beziehung toxisch?“, „Geht meine Firma bankrott?“ Man hört es im Büro, an der Bushaltestelle, beim Familienbrunch: “Ich hab ChatGPT gefragt…”.
Es ist Usus geworden: Menschen sprechen mit KI Chatbots über ihr Leben. Über den Alltag, über Beruf, Entscheidungen und Belastungen. Sie suchen Rat, holen sich Coaching, wägen Optionen ab. KI ist keine bloße Antwortmaschine, sie ist Beraterin, Resonanzraum. Weil wir alle längst erkannt haben, wie gut sie ist, wie plausibel die Antworten, wie stimmig die Ergebnisse. Viele befinden sich bereits in einem intensiven, wenn nicht sogar intimen Austausch mit den Bots ihres Vertrauens. Dass insbesondere junge Menschen ChatGPT bereits als Lebens-, Mental- oder auch Beziehungscoach nutzen, ist längst kein Geheimnis mehr. Und alles deutet darauf hin: Das ist erst der Anfang.
Viele zukünftige Bot-Angebote werden plump sein, sich schleimig anbiedern, laut, schrill oder werbelastig sein. So wie Meta es vorhat. Who else. Clickbait AI. Aber es werden auch seriöse, hochwertige Systeme entstehen. Gut gestaltet, ernstzunehmend und transparent.
Wirkung und Nebenwirkung
Der Dialog mit einer Maschine ist ein Gespräch ohne soziale Bühne. Ein Gespräch im digitalen Hinterzimmer. Nur wir und unsere KI-Begleiter. Die digitale Ratgeberin. Die Stimme im Ohr. Es fühlt sich an wie Vertrauen. Es, das KI Dings, ist bequem, klug, ruhig und einfühlsam und liefert präzise Antworten, kennt sich aus, im Grunde mit allem.
Andere Studien zeigen: Gerade junge Nutzer*innen bauen oft starke emotionale Bindungen auf, die reale Beziehungen zum Teil ersetzen. Beispiele, wie jene von KI Bots, die Kinder in intime Gespräche verwickeln oder ihre Suizidgedanken schönreden statt zu alarmieren, sind durch die Medien gegangen. Dieselben Funktionen, die Nähe erzeugen, die eine Unterstützung sind, können zu Überbeanspruchung, psychischer Belastung und einer Abkehr vom menschlichem sozialen Kontakt führen. Das klingt alles nicht so gut. Zwar sagen Expert*innen, jede Form der Unterstützung hilft – also besser ein KI-Bot als gar kein Zuspruch. Aber, der langfristige positive Nutzen hängt stark davon ab, ob es neben der KI auch menschliche Begleitung gibt und wie vulnerabel die Nutzer*innen sind.
Botlove: Wir lieben unsere KIs
Ein Blick auf die Testimonals auf https://replika.ai/ genügt: Menschen empfinden für ihre Bots. Sie sind keinen kalten Algorithmen für uns, mit Hilfe derer wir funktionale Dinge für unsere Arbeit, die Terminbuchung bei der Arztin oder die Einladung für die Vereinsfeier einfacher, schneller, besser aufs Papier, aus dem System und in das Postfach bekommen.
Wir sind an der Schwelle zu Botlove, oder schon drüber, und es ist eine neue Ära der Beziehung zwischen Menschen und Maschinen. Sei es eine KI-Psychologin auf unserem Handy, ein Ersatzfreund am Laptop oder die Management Beraterin am Firmenserver . Wir alle werden unsere KI Partner*innen für verschiedene Lebenslagen haben, sie hegen und pflegen. Und zwar gleich mehrere davon.
Es hört sich gar nicht so übertrieben an, sondern eher wahrscheinlich: In Zukunft werden KI-Systeme in vielen unserer Lebenswelten als Berater*innen oder Buddies präsent sein. Mentale Gesundheit. Karriere. Fitness. Beziehung. Finanzen. Für manche wird es ein Freund oder Freundin sein, für manche ein emotionsbefreiter Handlanger, aber auf jeden Fall werden wir ihnen vertrauen, sie mögen, schätzen und vielleicht sogar ein bisschen lieben.
Am Ende wird es nicht darum gehen, ob wir mit künstlicher Intelligenz sprechen – sondern wie. Es kommt darauf an, diese neuen Formen des Dialogs so zu gestalten, dass sie einen positiven Umgang fördern: Emotionale Unterstützung, Selbstreflexion, Nähe im digitalen Raum. Schon jetzt zeigen sich enorme Potenziale – in der psychologischen Begleitung, in der schulischen Betreuung, in der Gesundheitsversorgung, überall dort, wo Zuhören, Verstehen und Resonanz gefragt sind. Hier öffnet sich ein neues Feld, das uns noch lange beschäftigen wird und das wir aktiv gestalten sollten.
Entscheidend ist, dass wir die positiven Effekte stärken und die destruktiven bewusst vermeiden. Dass wir Systeme entwickeln, die Mitgefühl simulieren, ohne Vertrauen zu missbrauchen. Die Nähe ermöglichen, ohne Abhängigkeit zu erzeugen. Wenn uns das gelingt, dann ist das Gespräch mit der Maschine nicht das Ende menschlicher Beziehung, sondern vielleicht ihr nächster Schritt.
Europa ist eine neue digitale Kolonie, könnte man so sagen, und das sollte uns, wenn schon nicht beunruhigen, dann zumindest nachdenklich stimmen. Essentielle digitale Werkzeuge, weite Teile von Dateninfrastrukturen und die großen KI-Entwicklungen – die Grundlagen unserer heutigen und zukünftigen Wirtschaft, wenn nicht Gesellschaft – sind weitgehend in den Händen von nicht-europäischen Unternehmen, meistens aus den USA und immer öfter aus China.
Wir Europäer sind stolz auf unsere Tradition der Freiheit, des Denkens, der Technik. Nur: In der digitalen Welt? Wie frei sind wir da wirklich noch? Es sieht inzwischen ja so aus, als wären wir zwar durchaus auf den KI-Zug aufgesprungen, halten mit dem Tempo mit, sind mittendrin, aber die Ausstattung des Zuges, die Beförderungsbedingungen, vielleicht sogar das Reiseziel, bestimmt jemand anders.
Europa ist zu einer Art Digitalkolonie mutiert, durch potente KI-Modelle, luftige Cloud-Wolken und digitale Arbeits- und Alltagswerkzeuge, auf deren Grundlagen und Gestaltung wir Europäer in der Gesamtheit wenig Einfluss haben. Die Kontrolle, das Know-how, ja sogar die kulturellen Standards, liegen zunehmend woanders.
Europa kann als riesiger Binnenmarkt und Wirtschaftsriese mit 450 Millionen Menschen durchaus seine Regeln setzen, ansagen, was geht und was nicht, setzt man digitale Technologien in der EU ein, aber reicht das auf lange Sicht? Es hat den Anschein einer Art neuer digital-kolonialer Abhängigkeit. Kann Europa in einem solchen Szenario überhaupt noch die Kontrolle zurückgewinnen?
Was macht eine Kolonie aus?
Historisch gesehen zeichnen sich Kolonien durch politische und wirtschaftliche Abhängigkeit von einem „Mutterland“ aus, das die Kontrolle über Ressourcen und Arbeitskraft ausübt und weitestgehend die Infrastruktur der Kolonie kontrolliert. Die historische Kolonie fungierte dabei als Rohstoffquelle und war in Entscheidungsfragen oft und weitgehend machtlos.
Weltweit finden sich Länder heute in einer nicht vollständig vergleichbaren, aber ähnlichen Lage als Abnehmer digitaler Technologien und Infrastruktur wieder. Auch in Europa. Die Cloud-Server, KI-Modelle und sozialen Netzwerke, die Bürger*innen, Stadtverwaltungen und Unternehmen tagtäglich nutzen, stammen in der Regel von außerhalb der EU und unterliegen ideologischen, rechtlichen und politischen Einflüssen aus den USA oder China – digitale „Mutterländer“, die letztlich die Regeln bestimmen.
Die Tech-Giganten Google, Amazon, Microsoft und deren chinesische Pendants wie Alibaba und Tencent, die vielen millionenschweren digitalen Unternehmen, deren Namen wir gar nicht mal im Sprachschatz haben und mir nix dir nix aufzählen könnten, sind nicht bloß Anbieter. Sie haben uns durch ihre Oligopole an der kurzen Leine, oder besser: an der Datenleitung.
Kernargumente: Die Mechanismen des neuen Digitalkolonialismus
In dieser Vielschichtigkeit können wir auf den ersten Blick vielleicht souverän agieren. Auf den zweiten Blick entpuppt sich jedoch eine massive Abhängigkeit.
Erstens: Für Europa gibt es heute keine Alternative, seine digitale Souveränität selbst in die Hand zu nehmen. Es gibt kein europäisches Microsoft, keine marktmächtigen europäischen Cloudanbieter, die besten GPT-Modelle sind nicht europäisch. Ein Anbieterwechsel oder Umstieg auf „unser eigenes System“ ist also nicht, oder nur eingeschränkt, möglich. Open-Source-Lösungen sind gut, aber meistens nicht gleich produktiv und industriell einsetzbar wie kommerzielle Angebote. LibreOffice ist lieb. Wir kommen also nicht so schnell aus dieser Abhängigkeit heraus. Die europäische Wirtschaft, ja, unsere gesamte Gesellschaft, hängt an digitalen Systemen, die wir nicht kontrollieren.
Zweitens: Historische Kolonien produzierten Zucker, Baumwolle oder Gummi – Europa heute digitale Inhalte, und vor allem Nutzerdaten. Doch die Pipelines und Speicher dieser neuen Rohstoffe gehören längst anderen. Datenzentren stehen in den USA und anderswo oder gehören nicht-europäischen Akteuren, selbst wenn sie in „good old Europe“ stehen. Das betrifft auch die Verarbeitung und Analyse dieser Daten. Es geht nicht nur um Daten jedes einzelnen Users, um unsere Vorlieben, App-Statistiken, detailliertes Klickverhalten, Nutzungs- und Verbindungsdaten. Auch unsere Infrastruktur wird zunehmend über Cloud und KI gesteuert. Denken wir zum Beispiel an eine selbstfahrende KI-Straßenbahn oder ein durch KI optimiertes Handynetz. Wenn die Cloud und KI nicht uns gehört, haben wir dann noch die Kontrolle über die Infrastruktur?
Drittens: Die europäische Abhängigkeit wird durch KI auf eine neue Ebene gehoben. Mit ihrem nahezu uneingeschränkten Zugriff auf die besten KI-Modelle dominieren die USA und China nicht nur die Technologie selbst, sondern auch die kulturellen und wirtschaftlichen Standards, die damit verbunden sind. Europäische Unternehmen stehen vor einer unangenehmen Wahl: Entweder auf diese Technologien verzichten oder teure Lizenzen zahlen und das nutzen, was an Modellen zur Verfügung steht.
Die EU versucht zwar, über den neuen AI Act mitzumischen und so zumindest die Rahmenbedingungen, die Transparenz und die Einsatzbereiche der KI in ihrem Einflussbereich vorzugeben, bleibt aber dennoch grundsätzlich abhängig. Wir haben weder die vollständige Entscheidungshoheit über diese Technologien noch die Freiheit, sie unabhängig zu prüfen oder anzupassen. Europa bleibt ein „Verbraucher“ dieser neuen digitalen Technologien.
Und wieder ist hier ein ähnlicher kolonialer Eindruck zu beobachten. Weltweit verblüffen KI-Modelle mit ihren Fähigkeiten, und nicht zu Unrecht heißt es, KI werde viel an Effektivität und neuer Produktivität in Unternehmen bringen. Europa erkauft sich dabei durch Lizenzgebühren zwar Know-how und KI-Arbeitskraft, doch die Gelder fließen in die Mutterländer der digitalen Kolonialisierung und nicht in eine lokale Wertschöpfung – zum Beispiel in ein europäisches KI-Unternehmen oder in reale, europäische Arbeitskraft. Diese Abhängigkeit führt zu einem dauerhaften Kapitalabfluss und limitiert zugleich Europas digitale Autonomie.
Viertens: Besonders alarmierend ist die politische Dimension dieser digitalen Abhängigkeit. Die Berichterstattung öffentlich-rechtlicher Medien ist durch gesetzliche Regularien zumindest in der Theorie und vom Ansatz her ausgewogen. Es gibt “no fun” Gremien wie einen Stiftungsrat, einen Publikumsrat und einen Aufsichtsrat. Es geht um Checks and Balances.
Doch traditionelle Medien schrumpfen in ihrer Reichweite, während öffentlich-rechtliche Anbieter zunehmend unter Druck stehen. Dem gegenüber steht der ungebremste Aufstieg sozialer Medien, die insbesondere jüngere Generationen mit – sagen wir es mal so – „Nachrichten“ versorgen. Hier sind es Algorithmen, die entscheiden, welche politischen Meinungen wem zugespielt werden.
Man muss sich vor Augen halten: Soziale Medien sind der Stammtisch des 21. Jahrhunderts. Hier werden Wahlen entschieden. Doch auf diese Algorithmen haben europäische Staaten oder politische Parteien keinen Einfluss. Sie sind weder transparent noch zugänglich. Und, wie man am Beispiel Elon Musk, Twitter/X und seinem Engagement für Trump sieht, gehören diese Unternehmen mitunter Einzelpersonen, die auf Grund ihrer persönlichen politischen Haltung entscheiden können, was in den Threads der Leute aufpoppt und was im digitalen Nirvana vergammelt.
Unser politischer öffentlicher Diskurs wird auf privaten (USA) oder staatlichen (China), aber in jedem Fall nicht europäischen Medien, und womöglich mit Schieflage ausgetragen. Selbst der Zugang zu bezahlter politischer Werbung garantiert keine faire Verbreitung objektiver Inhalte – eine neue Form digitaler Machtkonzentration, die unseren demokratischen Diskurs fundamental herausfordert.
Wie einst die kolonialen Mutterländer, die ideologische und kulturelle Strömungen in den Kolonien beeinflussten oder bestimmten, formen nun obskure Algorithmen unseren digitalen politischen Diskurs.
Die große Frage: Wie entkommen wir der neuen digitalen Kolonialisierung?
Der Ausweg aus diesem Labyrinth der Abhängigkeiten ist unklar. Digitale Autarkie klingt attraktiv und wird herbeigesehnt, ist aber ein tatsächlicher Kraftakt, den Europa aktuell nur halbherzig angeht. Um wirklich unabhängig zu werden, bräuchte es nicht nur europäische Plattformen und KI-Lösungen, sondern auch eine Neuausrichtung in puncto digitaler Souveränität. Das betrifft sowohl die Infrastruktur als auch die Rahmenbedingungen, um europäische Innovation zu fördern und zu schützen.
Europa hat die Option, eine eigenständige digitale Identität und die damit verbundene Infrastruktur konsequent aufzubauen. Das eigentliche Problem ist nicht der Mangel an technischem europäischen Know-how, sondern an politischem Willen, Investitionen und Risikobereitschaft. Europa will mitspielen, aber auf sicheren Rängen – ein Dilemma, das bremst. Doch wenn wir uns langfristig positionieren wollen, müssen wir bereit sein, digitale Großprojekte zu wagen und, wenn nötig, gegen die Interessen der mächtigen Player zu regulieren.
Die Frage ist: Wie weit geht Europa für seine digitale Freiheit? Solange wir nur mit einer Vielzahl von Regelungen und punktuellen Vorstößen reagieren, bleiben wir die Digitalkolonie, aus der Daten und Profite der Produktivitätssteigerungen abfließen und Richtungsentscheidungen von außen kommen – während wir am unteren Ende der Liga herumdingeln.
Es ist nicht alles im Argen
Erstens. In Europa und Österreich entsteht ein dynamisches KI Ökosystem, das sich durch starkes Know-how im Bereich der künstlichen Intelligenz auszeichnet. Dieses Umfeld fördert die Entwicklung innovativer KI-basierter Dienstleistungen und ist ein Nährboden für zahlreiche neue Start-ups. Es ist ein Beweis für die Stärke und das Potenzial der lokalen Expertise. Von Robotics bis hin GreenTech bedeutet das Wertschöpfung und einen positiven Standortfaktor.
Zweitens: Der Digitale Humanismus bietet einen inspirierenden Weg, indem er die Frage stellt, wie künstliche Intelligenz und digitale Technologien grundsätzlich nach dem „People-first“-Prinzip gestaltet werden können. Europa könnte hier nicht nur mitgestalten, sondern als Vorreiter eine menschenzentrierte, ethische Digitalagenda vorantreiben, die im globalen Kontext einzigartig wäre. Es geht darum, zu welchen Zwecken digitale Technologien eingesetzt werden sollen und zu welchen nicht. Wie Technologien im Sinne von Daten-, Bürger*innen- und Menschenrechten sowie humanistischen Werten gestaltet werden können.
Doch selbst wenn Europa sich in diesen Fragen zu einer Art moralischem Anführer der Digitalisierung macht, bleibt ein entscheidendes Problem: Der schönste Digitale Humanismus bleibt ein Provisorium, wenn er auf den Serverfarmen und in den Clouds von Microsoft, Google oder Alibaba läuft. Ein solcher Humanismus ist dann vor allem eines: symbolisch.
Drittens: Die Mobilität von Wissen und Arbeitskraft wird durch technologische Fortschritte zunehmend intensiviert. Europäische Unternehmen benötigen spezialisierte Lösungen, um global wettbewerbsfähig zu bleiben. Diese werden auch gebraucht, um KI in verschiedenen Gebieten – von Infrastruktur bis Gesundheit – einsetzen zu können. Viele Expert*innen sagen heute, Europa könne durch genau diese digitale Spezialisierung punkten, etwa bei der Entwicklung fokussierter, hochqualitativer KI-Modelle oder mit spezialisierten Datenschutzlösungen, die KI Modelle auch in sensiblen Bereichen nutzbar machen.
Klar, man kann und wird wohl sagen müssen: Wirklich kritische Daten und Anwendungen liegen auf eigenen Servern und in eigenen Rechenzentren. Wir sind die Frau oder der Herr im Haus, dort, wo es wirklich darauf ankommt. Wir können immer sagen, für manche Zwecke – etwa bei Massenüberwachung – setzen wir KI in Europa nicht ein. Wir können digital-kulturelle Standards schaffen, die uns auszeichnen. Doch was fehlt, ist die technologische Grundlage für echte, breite Unabhängigkeit – und die würde Europa den Freiraum geben, nicht nur über Menschenzentrierung zu sprechen und sie kleinteilig umzusetzen, sondern sie auch in einer digital souveränen Infrastruktur auf den Boden zu bringen.
Ob Europa einen Ausweg finden kann, bleibt fraglich. Wir können mit einem „People-first“-Ansatz punkten, können mit Spezialisierungen unsere Nische finden. Solange der europäische Markt als attraktiv gilt, könnte Regulierung kurzfristig einen Ausgleich schaffen. Langfristig jedoch bleibt die Frage offen: Ist es wirklich möglich, sich aus dieser Abhängigkeit zu befreien, oder verfestigt sich Europa in dieser neuartigen, digitalen Abhängigkeit?
Disclaimer: Wichtig ist, diesen neuen digitalen Kolonialismus nicht mit den Schrecken und Unterdrückungsmechanismen des historischen Kolonialismus gleichzusetzen. Die brutale Ausbeutung, Gewalt und systematische Entrechtung, die viele Kolonialreiche prägten, stehen in keiner Relation zu den Herausforderungen, vor denen Europa heute im digitalen Raum steht. Hier geht es nicht darum, Europa als Opfer darzustellen oder einen Vergleich zu ziehen, der die historischen Dimensionen verkennt.
Vielmehr dient die Referenz zu kolonialen Abhängigkeiten als analytischer Rahmen, um Machtverhältnisse und Asymmetrien im globalen digitalen Diskurs zu beleuchten. So wie koloniale Mächte einst über physische Grenzen hinweg ihre Interessen durchsetzten, zeigt sich heute, wie digitale Plattformen und Algorithmen neue Formen der Abhängigkeit schaffen – subtiler, aber dennoch tiefgreifend in ihrer politischen und gesellschaftlichen Wirkung.