
Städte wachsen unaufhaltsam und in den Tiefen der urbanen Landschaft liegen die Lebensmodelle der Zukunft verborgen. Sie lesen es nicht zum ersten mal: Die UNO sagt, dass im Jahr 2050 68 % aller Menschen in Städten wohnen werden.
Internationale Migration (und Flucht vor Klima und Kriegen) nimmt zu, auch wenn es global nur 3,5 % der Weltbevölkerung sind. Das sind aber immerhin 283 Millionen Menschen oder anders gerechnet: 28 Österreichs, die unterwegs sind.
Städte sind dabei natürlich Anlaufpunkte und Zielorte, als Zentren der wirtschaftlichen Aktivität und Knotenpunkte der Mobilität. Städte haben Anziehungskraft. The city is the place to be!
Die Zeichen und Auswirkungen internationalen Mobilität zeigen sich in der Demographie unserer Städte. In Wien hat ein Drittel der Bürger*innen kein österreichische Staatsbürgerschaft. 42 % Prozent der Wiener*innen wurden außerhalb Österreichs geboren.
Im Vergleich dazu vielleicht ein Blick auf London, das doch ungleich internationaler als Wien wahrgenommen wird. Dort sind 41 % der Bewohner*innen nicht im Vereinigten Königreich geboren, 21 % besitzen keine britische Staatsbürgerschaft.
Als Digitalisierer*in stellt sich natürlich die Frage, welche Rolle spielen digitale Medien und Tools bei dieser Entwicklung.

Digitale Medien, Tools und Dienstleistungen sind die Konstante in einer mobilen Welt. Sie machen vieles jederzeit verfügbar. Vor allem aber machen sie entfernte Familien, Freunde, Kulturen, vielleicht auch entfernte Politik und Regierungen, stets präsent.
Das gilt es zu bedenken. Die Stadt hört nicht an ihrer Grenze auf. Wir verwachsen im Schrebergarten, aber digital und emotional sind wir (auch) mit jenen Orten verbunden, von denen wir abstammen, wo wir herkommen oder uns zugehörig fühlen. Wir horten, hegen und pflegen viele kleine emotionale Enklaven, die uns über die Stadtgrenzen hinaus mit der Welt verbinden und holen so auch die Welt irgendwie in die Stadt (klingt cheesy, ist aber so).
Here is the thing: Wir leben im 21. Jahrhundert und trotz dem digitalen Schnickschnack, Big Data und der Cloud, sind wir Herdentiere mit einem Bedürfnis an Nähe und Zugehörigkeit. Wir brauchen das digitale Ei Ei, das Gefühl, wo herzukommen und wo dazuzugehören, genauso wie das Shared Doc im We We We.
Und dann ist es eben so, man ist Wienerin, ist aber eben auch ein Stück Serbin, Türkin, Deutsche oder Polin. Stadtleben im mobilen und digitalen Zeitalter heißt offensichtlich sich im Hier und Jetzt im Viertel zusammenzuleben, aber auch seine Filter, Bubbles und Communities zu bedienen. No problem.

Problematisch sind die Stadtstrukturen, die diese Bubbles in und über die Stadt hinaus undurchlässig machen oder in sich verstärken. Dabei helfen natürlich auch die intransparenten Algorithmen der Big Tech nicht schlecht nach, die dazu verleiten in den Communities zu verharren.
Viele Menschen sind bei diesen demographischen Strukturen aber auch von der wichtigsten Form der politischen Mitbestimmung ausgeschlossen: Von Wahlen nämlich. Wir leben und arbeiten in einer Stadt, haben aber keine Möglichkeiten zur Mitsprache. Das ist sehr nahe an einem kolonialen Machtgefälle, von dem wir uns gesellschaftlich im 20. Jahrhundert lossagen wollten.
Man kann aber was tun: Dort aktiv werden, wo Bubbles entstehen. Durch gezielte digitale Präsenz, durch Kampagnen, Angebote und Information, die zum Ver- und Zusammenwachsen in der Stadt animieren. Oder durch die Etablierung neutraler Plattformen, abseits der Algorithmen der BigTech, können wir Leute in partizipative Prozesse und zur Mitgestaltung einladen. Zu hause ist man dort wo man digital ist.
Städte werden immer mehr zu diversen, multinationalen Orten. Diese Diversität in all ihrer Urbanität wird verstärkt durch die individuellen, digitalen Verbindungen ihrer Bewohner*innen, weit über die Stadtgrenzen hinaus. Als Digitalisierer*innen müssen wir uns diese Facetten, digitalen Hintergründe und mobilen Lebensmodelle bewusst machen. Der Wirtschafts-, Wissens- und Kulturstandort profitiert dann, wenn es uns gelingt mit einer gewissen digitalen Souveränität und Haltung eine inklusive und gerechte Zukunft zu gestalten.