Digitaler Humanismus – klingt schick, oder? Als hätte man die europäische Aufklärung trotz allgegenwärtigen Werkzeugen des Silicon Valley, denen ja trotz aller Nützlichkeit in manchen Fällen nix gutes nachgesagt wird, neu erfunden.

Wenn man genauer hinschaut, wird der Begriff schnell zum Chamäleon: Jeder versteht etwas anderes darunter und meistens bleibt er nebulös. Digitaler Humanismus – ein Begriff, der sowohl Versprechen als auch Unklarheit in sich trägt. Das kann durchaus ein Vorteil sein, weil es einfach ist, den Begriff zu verwenden und irgendwie eh fast jeder etwas damit assoziiert. Das wird aber zum Problem, wenn man vieles oder alles unter diesem Deckmantel verkauft und das ganze zum holen Marketingbegriff wird. Das neuerfundene, super fancy aber diffuse Biolabel der Digitalzene.
Damit es nicht soweit kommt, braucht es noch. Ja was eigentlich? Klar ist, zwischen Anspruch und Realität klafft eine Lücke. Digitalhuman klingt cool, aber wie bringt man es tatsächlich auf die Straße?
Eine Einordnung, was diese philosophische Idee im Zuge der Gestaltung digitaler Systeme bewirken und wie man eigentlich damit arbeiten kann, täte gut.
Dieser Artikel versucht genau das: Den philosophischen Ansatz Digitaler Humanismus für die konkret Gestaltung digitaler Systeme greifbarer zu machen, indem er drei Ebenen aufzeigt, auf denen diese Denkweise im Zuge der digitalen Gestaltung zur Geltung kommt. Beispiele illustrieren dabei, wie Philosophie, Gestaltungsmethoden, Human-Centered Design und Co-Creation wirken, um auf Menschen fokussiert, digital human eben, zu gestalten.
Aber zu aller erst: What is it?
Digitaler Humanismus startet mit einer simplen Idee: Der Mensch im Mittelpunkt. Dies klingt banal gut. Ja, wow. Aber, wer wäre sonst stünde im Mittelpunkt? Sind digitale Systeme nicht immer irgendwie für Menschen gedacht, um sie zu vernetzten, zu unterstützen, oder Informationen zu liefern? So lange es sich also nicht irgendwie um ein Softwareteil handelt, das alleinig anderer Software zuarbeitet oder eine Maschine steuert, könnte man ja fast sagen, fast jedes System fokussiert irgendwie auf den Menschen. Also, wie jetzt?
Um ein digital humanes System, das kann eine App, ein digitales Gerät, eine Onlineplattform oder eine Internetdienst sein, von einem inhumanen zu unterscheiden, muss man die Absicht oder die Funktionsweise beleuchten und letztendlich auch wie es im Detail umgesetzt wird. Es adressiert – huch, jetzt wird es hochtrabend – die Gesamtheit des Menschen, seine Wünsche, Bedürfnisse, Werte, Rechte und Freiheiten. Es schafft Räume für individuelle Entwicklung und Handlungsfähigkeit. Klingt fast zu wild, um wahr zu sein. Aber wieso eigentlich nicht. Dare to dream!
Im Gegensatz dazu stehen digital inhumane Anwendungen, die beispielsweise Nutzer*innen bis auf die Unterhose tracken, sie überwachen, sie als reine Datenlieferanten sehen, um sie in vorgefertigte Konsumbahnen zu lenken, weil das Geschäftsmodell es eben so will. Es wird dann digital inhuman, wenn Datenschutz unterwandert wird, Abhängigkeitsverhältnisse geschaffen werden, wenn Nutzer*innen Informationen vorenthalten, oder nur bestimme verfälschte Inhalte geboten werden, um sie am besten nicht zu mündigen Usern zu ermächtigen. Und so weiter und so fort.
Aber wie informiert dieser digital humane Gedanken konkretes digitales Design? Digitaler Humanismus ist ja eine philosophische Haltung. Von der Philosophie zur konkreten digitalen Anwendung ist es ein weiter Weg. Oft steinig. Philosophie bietet Strukturen und Perspektiven, um die Welt zu verstehen, gestaltet aber noch keine Apps. Das ganze wird dann konkret von Nutzen, wenn diese Haltung zu einer leitenden Gestaltungstheorie für das Management, für Konzeptionist*innen, Entwickler*innen, und wer noch im alles im Prozess dabei ist, wird, also den Gestaltungsprozess anleitet, strukturiert, inspiriert und auf ihn einwirkt.
Der Einfachheit halber sind hier 3 Ebenen genannt, auf denen das aus gestaltungstheoretischer Sicht passieren kann. Diese sind wohl nicht strickt voneinander zu trennen, verwischen in Realität oft, auch wenn sie hier sequentiell dargestellt werden.
Let’s dive into it. Zeit, diesen Begriff von der Wolke auf den Boden der Gestaltungsrealität zu holen.
1. Ebene: Purpose, der Zweck eines Systems
Gestaltungstheorien beeinflussen oft den sogenannten Purpose einer digitalen Anwendung, also so was wie den Zweck und damit oft verbunden den Grundnutzen eines Systems. Auf dieser Ebene geht es um Digitalstrategie: Was sollen digitalen Systeme Innovatives leisten, für welche Zwecke werden sie entwickelt und eingesetzt? … und für welche Zwecke eben nicht.

Auf dieser Ebene wird digital strategisch entschieden, ob zum Beispiel Technologien zur Gesichtserkennung auf öffentlichen Plätzen überhaupt eingesetzt werden und wenn ja, unter welchen Bedingungen. Es geht um die Entscheidungen eines Unternehmen, welche digitalen Produkte und dahinterliegende Geschäftsmodelle es entwickeln möchte. Ob man zum Beispiel mit seinen Produkten neutral informieren möchte, oder liebe Fake-News-Systeme entwickelt. Es handelt sich um gestalterische Grundsatzentscheidungen. Diese fallen oft auf Management Ebene und stehen in Digitalstrategien.
Beispiele: Der AI Act der EU, der biometrische Überwachung an öffentlichen Orten verbietet, ist ein Ansatz, der eine digital humane Haltung auf dieser ersten Gestaltungsebene widerspiegelt. Hier wird der Schutz der menschlichen Würde über wirtschaftliche oder sogar Sicherheitsinteressen gestellt, schließlich hätte man die Möglichkeit öffentliche Plätze minutiös zu überwachen, verbietet es aber. Aus der unternehmerischen Perspektive kann hier auch der wirtschaftsethische Ansatz der Values-based Innovation genannt werden, der eine werte- und ethik-basierte Managementphilosophie propagiert.
Kommen wir also langsam aber sicher auf die nächste Ebene, wo wirklich an Systemfeatures und ihrer Umsetzung gearbeitet wird.
2. Stufe: Systemdesign – Zwischen Freiheitsversprechen und Klick-Knechtschaft
Auf dieser zweiten Ebene wird der Kern einer digitalen Anwendung entworfen. Dabei geht es um die Nutzer*innen, die Grundfunktionalitäten des Systems und ihre Ausgestaltung.

Ein humanistisches System berücksichtigt die Werte und Bedürfnisse der Nutzer*innen und bewahrt ihre Rechte und Freiheiten. Es versucht negative Auswirkungen zu vermeiden, zwingt sie nicht durch manipulative Mechanismen, wie ständig ploppende Benachrichtigungen oder übergriffige Nudges, in eine bestimmte Nutzung. Stattdessen eröffnet es Wahlmöglichkeiten und gibt Orientierung. Grundlegende Aspekte wie Datensicherheit werden sowieso eingehalten. Vor allem aber orientiert sich der Gestaltungsprozess an den Werten der Nutzer*innen, den sozialen und ethischen Kontext für den das System gedacht ist, er erkennt und vermeidet potentielle negative Auswirkungen des Systems.
Nehmen wir ein Beispiel: Assistenzsysteme für Senior*innen. Ein humanistisches System würde sagen: „Hey, es ist toll, wenn Oma noch ihr eigenes Essen kochen will. Wir helfen, wo die Kraft nicht reicht.“ Ein Rezept kann sie vielleicht nicht mehr ganz erinnern, da helfen wir digital mit, binden vielleicht auch die Enkerl ein, aber das Gemüse schneiden, alles in einen Topf klopfen, die Wertigkeit des Kochens an und für sich, das erhalten wir und unterstützen wo geht. Ein inhumanes System dagegen automatisiert den Prozess komplett: Mahlzeit kommt per Drohne, drückt noch ein paar extra Empfehlungen in den Warenkorb – Oma zahlt und schaut Netflix.
Digitale Gestalter*innen verfügen über ein breites Spektrum an Methodiken, um im Zuge eines Gestaltungsprozesses auf diese Art und Wiese zu reflektieren. Aus dem Forschungsgebiet Human-Computer-Interaktion kommen seit 30 Jahren Methoden wie Value Sensitive Design, die diese Grundhaltung verkörpern. Inclusive Design Ansätze zählen genauso dazu, wie neuere Ansätze wie Value Based Engineering. Im Kern schlagen diese Ansätze Methoden und Vorgehensweisen vor, die helfen Apps, digitale Geräte und Services im Sinne ihrer Nutzer*innen, deren Bedürfnisse, Werte und Möglichkeiten zu gestalten und dabei die angesprochenen negativen sozialen, ethischen, rechtlichen (etc.) Auswirkungen zu vermeiden.
3. Stufe: Umsetzung. Menschen, packt die Werkzeuge aus!
Jetzt wird’s richtig spannend – hier wird Digitaler Humanismus lebendig und greifbar. In Form von gut gestalteten User Interfaces, gut ausgestalteten Informationsdesigns und nachvollziehbaren Digital Service Blueprints. Die Kernaussage einer digitalen humanen Herangehensweise ist, dass digitale Systeme nicht im Elfenbeinturm der Entwickler*innen entstehen.

Die zukünftigen Nutzer*Innen sollen in den Entwicklungsprozess einbezogen werden. Human-Centred-Design, wie die Profis sagen. Und das nicht nur, weil man nett und lieb sein will, nein, weil es die Resultate verständlicher, intuitiver und nutzbarer macht. Hier geht es darum, Nutzer*innen aktiv in den Entwicklungsprozess digitaler Systeme mitwirken zu lassen. Es gibt eine Vielzahl von Herangehensweisen dafür.
Mit Methoden wie Cultural Probing oder Befragungen lernt man die Lebenswelt der Zielgruppe kennen und kann diese Erkenntnisse im Gestaltungsprozess berücksichtigen. Mit Co-Creation Methodiken oder Participatory Design Ansätzen sitzen die Nutzer*innen womöglich sogar mit am Gestaltungstisch. Mit Usability Design, guten Accessibility Guidelines oder User Experience Evaluierungen stellt man sicher, dass ein konkretes digitales Design verständlich ist und gut bei den Nutzer*innen ankommt.
Das alles so zu tun ist manchmal langsamer, schwieriger, macht aber Sinn. Schlicht und einfach deshalb, weil das Resultat schon im Entstehungsprozess von Nutzer*innen beraten und gefeedbacked wird und so grobe Gestaltungsschnitzer von vornherein vermieden werden.
Man könnte also sagen, ein digitales Werkzeug ist auch dann ein humanes System, wenn es von den Nutzer*innen verstanden wird und sie es gut benutzen können. Das ist dann der Fall, wenn nicht nur Zweck und Funktionalitäten in eine digitalhumane Haltung einzahlen, sondern auch die konkrete Umsetzung eine gute Usability und Experience erreicht.
Digitaler Humanismus: Und jetzt?
Digitaler Humanismus bedeutet nicht, mehr „likes“ oder „clicks“ zu generieren. Es bedeutet, digitale Systeme so zu bauen, dass sie uns fördern – nicht auslaugen.
Vielleicht klingt Digitaler Humanismus, der so formuliert ist, auch nur wie ein feuchter Traum der Digitalidealisten da draußen, weil viele Apps und Plattformen auf unseren Handies und in unseren Browsern genauso weit von dieser Idee entfernt sind, wie die Antarktis von Grönland, wir uns als Nutzer*innen also mit vielen Schieflagen und schrägen digitalen Praktiken schlichtweg abgefunden haben.
Aber, die Zukunft wird nicht von Algorithmen entschieden, sondern von denen, die sie gestalten. Also, Leute aus der digitalen Innovationsszene, Entscheider*innen, UX-Designer*innen, Coder*innen und Policy-Macher*innen: Schluss mit der bloßen Theorie! Setzt die Werkzeuge an. Baut Systeme, die uns ermächtigen – statt uns zu entmachten. Es ist Zeit, dass digitaler Humanismus mehr wird als ein schickes Schlagwort. Dass das eine schwierige Sache ist, ist auch klar. Speziell in Europa, wo wir nicht Herr oder Frau über die vielen digitalen Grundsysteme sind, auf die wir aufbauen, sondern in vielen Fällen in einer Art digitalen Kolonie agieren. Trotzdem können wir in Sachen Zweck, Systemdesign und Methodik einiges tun, um digitale humane Apps, Tools und Software in Umlauf zu bringen.
Um Digitalen Humanismus als leitendende Gestaltungstheorie zu positionieren braucht es Gestalter*innen, die sich von dieser Haltung leiten und inspirieren lassen und das entsprechende Methodenhandwerk beherrschen. Und, was machst du?